CFP: AGAF-Tagung "Gelehrsamkeiten. Text- und Lebenspraktiken im langen 18. Jahrhundert", 13.-15.6.2019 in Salzburg

Gelehrsamkeiten. 

 

Text- und Lebenspraktiken im langen 18. Jahrhundert

Tagung im Rahmen der Arbeitsgespräche zur Aufklärungsforschung 
Fachbereich Germanistik, Universität Salzburg, 13.–15. Juni 2019

Organisation: Thomas Assinger & Daniel Ehrmann

Zu Anfang des Jahres 1774, das der deutschen Literatur entscheidende Gesten der Emanzipation von den Grundlagen der ‚schönen Wissenschaften‘ bringen sollte, veröffentlichte Johann Georg Büsch eine Abhandlung über die verfallene Haushaltung der meisten Gelehrten unserer Zeit. Er lenkt darin den Blick weg von den Werken als vermeintlich sichtbarsten Ausweisen von Gelehrsamkeit und künstlerischer wie wissenschaftlicher Produktivität. Stattdessen betont er einen Zusammenhang, der von Zeitgenossen und (lange auch) von der Aufklärungsforschung gleichermaßen geringgeschätzt wurde: die Praktiken – jene des gelehrten Wissens und Schreibens und jene des gelehrten Lebens. Büsch moniert, „daß die gewöhnliche Lebensart der Gelehrten sie mehr als jeden andern Stand zum Schuldenmachen verleite, und der scheinbare Aufwand, den sie machen, dem Umlaufe des Geldes mehr schädlich, als nützlich sey“. Bereits in dieser Untersuchung unökonomischen Lebens erweist sich Gelehrsamkeit als Sammelbegriff unterschiedlicher Konzepte: So unterscheide sich etwa der „bloße Namensgelehrte“, der Titel erwirbt, ohne sich an der kollektiven Ausübung gelehrter Praktiken und an der Proliferation gelehrten Wissens zu beteiligen, grundsätzlich von all jenen, „die in Hoffnung aufs künftige Broterwerben sich den Wissenschaften widmen“. Büsch inauguriert damit ausgerechnet jene ‚Brodgelehrten‘, denen Friedrich Schiller in seiner Jenaer Antrittsvorlesung im Revolutionsjahr 1789 die Tür weisen wird.

Aus diesem Beispiel wird ersichtlich, wie gegen Ende des 18. Jahrhunderts das, was als Gelehrsamkeit gilt, und damit zugleich die Handlungsweisen ihrer Formierung, ihres Vollzugs und ihrer Äußerung problematisch und verhandelbar geworden sind. Büsch bemerkt, dass etwa der einsam und bisweilen idiosynkratisch Wissen anhäufende Einzelgänger, der über Jahrhunderte relativ stabile Typ des Polyhistors, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kaum noch anzutreffen sei. Von einem „durch Lebensart und Sitten sich merklich unterscheidenden Theil der bürgerlichen Gesellschaft“ sei „durch den jetzigen Ton des akademischen Lebens“ der Gelehrte vielmehr „zum geselligsten Geschöpfe unter der Sonne gemacht“ worden.

Nicht mehr allein die Distinktion gegenüber Laienkulturen, wie sie der in allerlei Künsten und Wissenschaften zuständige humanistische Gelehrte betrieben hatte, steht nunmehr auf dem Spiel, sondern es lassen sich zusehends interne Distinktionsmanöver beobachten. Diese konkretisieren sich im Zuge der Professionalisierung und funktionalen Differenzierung einzelner Disziplinen, in der Etablierung korrelierender Lebens- und Arbeitsweisen und der Ausbildung passender Habitus. Verschiedene Arten der Gelehrsamkeit gewinnen im 18. Jahrhundert mithin nicht nur einen historischen Index (vom Polyhistor zum Philosophen oder Philologen oder empirischen Wissenschaftler oder Schriftsteller oder Künstler); sondern treten in Konkurrenz um das Vorrecht, Wissen und kulturelle Güter zu generieren und zu verwalten. Bereits im Zedlersind zwei Gelehrsamkeiten verzeichnet, unterschieden nach der Art der „Wahrheiten“, auf die sie sich richten. Während die einen „durch künstliches Nachdenken müssen erlernet werden“, fallen die anderen von selbst „unmittelbar in die Sinne“. Die notorische Bifurkation von reflexiv-denkenden und empirisch-beobachtenden Wissenschaften ist hier bereits angelegt und qua Hierarchisierung in ein polemisches Verhältnis gesetzt. Der Unterschied sei kein geringerer als der zwischen „wahre[r] Gelehrsamkeit“ und „Pedantische[r] Wissenschafft“. Diese konzeptuellen Pointierungen verdanken sich schon im Zedlereiner impliziten Unterscheidung von gelehrten Praktiken des Denkens, Lesens, Schreibens, Beobachtens, Zeigens, (handwerklichen) Herstellens und Memorierens. Louis de Jaucourt treibt dieses Differenzierungsunternehmen in seinem Encyclopédie-Artikel weiter, indem er systematisch zwischen habiles,savantsund doctesunterscheidet, die er jeweils an bestimmte Praktiken und Berufsgruppen koppelt. Ins Verhältnis zu setzen wären diese Typen zudem zu jenen verkopften, streitsüchtigen oder gar unfähigen Gelehrten, die zuhauf im Lustspiel des Zeitalters der Vernunft als komische Figuren begegnen.

Die Dynamisierung und Pluralisierung von Gelehrsamkeit im langen 18. Jahrhundert bildet das thematische Zentrum der geplanten Salzburger Tagung. Erkundet werden sollen unterschiedliche Auffassungen von Gelehrsamkeit, entsprechende Konzepte und Typen sowie relevante soziale, kulturelle und institutionelle Kontexte. Der methodische Fokus auf Text- und Lebenspraktiken soll das Augenmerk auf Lese- und Schreibweisen, Gattungen und textuelle Repräsentationsformen einerseits, die Lebensorganisation und soziale Praxis andererseits richten. Welche Rolle spielen sie in der Produktion, Reproduktion und Evolution von Gelehrsamkeit? Welche sozialen Funktionen und gesellschaftlichen Positionen der Intellektuellen sind einzurechnen? Welche Arten von Wissen eröffnen sich unterschiedlichen Arten von Gelehrsamkeit, welche werden verstellt? Anzuschließen wären zudem Fragen nach kulturellen, konfessionellen und territorialen Differenzen.

Erbeten sind Kurzvorträge (20 Minuten), die solche oder andere gegenstandsrelevante Fragen anhand von repräsentativen Fallstudien verfolgen. Es sind ausdrücklich Beiträge aus unterschiedlichen historisch arbeitenden Disziplinen erwünscht. Die Veranstalter freuen sich bis spätestens 11.1.2019 über knappe Beitragsvorschläge (max. 600 Wörter, inkl. Kurzvita) an thomas.assinger@sbg.ac.at und daniel.ehrmann@sbg.ac.at. Die Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten für Vortragende ist angestrebt.

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