Ernst Wangermann (1925–2021) – Ein Nachruf von Johannes Frimmel (München)

Am 26. November 2021 verstarb unser Ehrenmitglied Ernst Wangermann in Salzburg. Ernst Wangermann wurde am 22. März 1925 in Wien geboren. 1939 emigrierte er mit seiner Familie nach Großbritannien. Dort studierte Wangermann am Balliol College in Oxford, wo unter anderem Christopher Hill und Richard Southern zu seinen Lehrern gehörten. In Oxford erschien auch sein erstes Buch From Joseph II to the Jacobin Trials. Government Policy and Public Opinion in the Habsburg Dominions in the Period of the French Revolution (Oxford 1959), das bald zum Standardwerk wurde und seit 1966 auch auf Deutsch vorlag (Von Joseph II. zu den Jakobinerprozessen). Nach Unterrichtstätigkeit wurde Ernst Wangermann schließlich außerordentlicher Professor an der Universität Leeds. Sein in dieser Zeit entstandenes Buch The Austrian Achievement 1700 – 1800 (London 1973) war eine Pionierarbeit, in der der Autor prägnant die Kontinuitäten der mariatheresianischen und josephinischen Reformpolitik herausstellte. In der Monographie Aufklärung und staatsbürgerliche Erziehung. Gottfried van Swieten als Reformator des österreichischen Unterrichtswesens 1781-1791 (Wien 1978) analysierte er erneut die josephinische Reformpolitik im Kontext der Genese einer publizistischen Öffentlichkeit.

Seit 1984 war Ernst Wangermann ordentlicher Professor für Österreichische Geschichte in Salzburg. Nach seiner Emeritierung publizierte er Die Waffen der Publizität. Zum Funktionswandel der politischen Literatur unter Joseph II (Wien 2004), gewissermaßen die Summe seiner lebenslangen Beschäftigung mit der josephinischen Publizistik. Eine von Ernst Wangermann selbst zusammengestellte Sammlung seiner Aufsätze erschien anlässlich seines 90. Geburtstags in den Internationalen Beiheften der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts (Aufklärung und Josephinismus. Studien zu Ursprung und Nachwirkungen der Reformen Josephs II. Bochum 2016). Darin zeigt sich nochmals eindrucksvoll die Bandbreite seiner Interessen und Kenntnisse, von Gluck, Haydn und Friedrich Engels über das Nachleben des Josephinismus im 19. Jahrhundert bis hin zur spanischen Literatur.

Ernst Wangermann war einer der besten Kenner des österreichischen 18. Jahrhunderts. Die Erforschung der Aufklärung, aber auch der liberalen Ideengeschichte sowie der Arbeiterbewegung war für ihn dabei nie nur akademische Beschäftigung, sondern stets auch ein demokratiepolitisches Anliegen. Wer das Glück hatte, Ernst Wangermann persönlich zu begegnen, wird diese Treffen nicht vergessen. Sein umfassendes, nicht nur historisches sondern auch literarisches, kunstgeschichtliches und musikalisches Wissen beeindruckte ebenso wie sein auch im hohen Alter noch ausgezeichnetes Gedächtnis. Unvergesslich sind vor allem seine Zugewandtheit und Liebenswürdigkeit, die er sich trotz aller auch schweren Lebenserfahrungen bewahrt hatte.

Die Österreichische Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts wird Ernst Wangermann immer ein ehrendes Andenken bewahren.

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